Stadtentwicklung

Bauen ohne Schnörkel

Siedlungen im neuen Stil

Kubisch, puristisch, preiswert. Mit ihrer innovativen und einzigartig markanten Architektur und Quartiersgestaltung haben Walter Gropius und Ernst May in den 1920er Jahren den Wohnungsbau revolutioniert. Form follows function: Noch heute lassen sich Architekten weltweit vom Bauhaus, das 2019 sein 100-jähriges Jubiläum feiert, von diesem Leitsatz inspirieren. Eine Quelle ist dabei das „Neue Frankfurt“, zu dem als Vorzeigeobjekt auch die Heimatsiedlung zählt – heute im Portfolio der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt.

Foto: Archiv UGNHWS

Ein Bruch mit konventionellen Vorstellungen und Lebenswelten, ein Neudenken in Kunst, Architektur und Design: Mit dem Bauhaus begründete Walter Gropius 1919 in Weimar eine der bedeutendsten Schulen für Gestaltung, die bis heute Impulse setzt. Hier kamen Künstler, kreative Köpfe und Studenten zusammen, um gemeinsam etwas Neues und Andersartiges zu schaffen: zum einen die Verbindung verschiedener Künste – die Architektur an der Spitze, zum anderen die Vereinigung von Handwerk und Kunst. Die Bauhaus-Gründung fällt in eine Zeit, in der in Deutschland die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges noch deutlich zu spüren waren. Die Grundidee ist daher sozial verankert, zielte bewusst auf das Leben und den Alltag der Menschen ab. Auch die grassierende Wohnungsnot, Folge von Zerstörung und Fluchtbewegungen, wollte Gropius schnell und preiswert lösen. Nach dem Leitbild „Die Form folgt der Funktion“ entwarf er Wohnbauten für die Massen, die mit den bisher bekannten Konzepten des Bauens brachen.

Avantgardistische Bau- und Wohnkonzepte
Der Bauhaus-Stil ist geprägt von kubischer Formensprache, schlichter und klarer Architektur mit hohem Gebrauchswert. Gerade Linien, Formen und Farben dominieren. Es wurde mit vorgefertigten Bauteilen experimentiert, auch Zentralheizungen wurden erstmals eingebaut – damals eine große technische Errungenschaft. Das Voranschreiten der industriellen Fertigung ermöglichte zudem die Verwendung von neuen Materialien und das Bauen ohne Schnörkel, offene Grundrisse, viel Licht, flexible und passgenaue Lösungen für den Einbau von Möbeln. Obwohl die eigentliche Bauhaus-Bewegung gerade einmal 14 Jahre existierte, hat sie mit ihren avantgardistischen Konzepten die Moderne weltweit geprägt.

Besonders markant in der Heimatsiedlung: die zurückgesetzten Durchgänge. Foto: Barbara Staubach
Foto: Barbara Staubach

Bauhaus und das „Neue Frankfurt“ – untrennbar verbunden
Auch in Hessen findet sich Architektur, die eng mit dieser Zeit verknüpft ist – darunter: die Siedlungen des „Neuen Frankfurt“. Von 1925 bis 1930 verwirklichte der Architekt und Stadtplaner Ernst May eines der umfangreichsten Wohnungsbauprogramme der Weimarer Republik. Wie viele andere Städte hatte auch die aufstrebende Stadt am Main nach dem Krieg mit einer erdrückenden Wohnungsnot zu kämpfen. May suchte nach Wohn- und Siedlungskonzepten, um relativ schnell bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Wie Gropius stellte auch er dabei die Funktionalität in den Mittelpunkt seiner kreativen Arbeit. 

Der Stadtplaner und seine Mitarbeiter setzten auf vorgefertigte Bauteile, funktional optimierte Grundrisse und viel Freiraum, beispielsweise mit einer aufgelockerten Zeilenbauweise sowie Dachterrassen. Gemäß dem Credo „Licht, Luft, Sonne“ berücksichtigten sie dabei die Ansätze der Gartenstadt-Bewegung. Die funktionale Gestaltung der Wohnblocks und Reihenhäuser setzte Maßstäbe mit Gültigkeit bis in die Gegenwart. Zu den neuen Standards gehörte auch die sogenannte „Frankfurter Küche“ – weltweit die erste Einbauküche, kreiert von Margarete Schütte-Lihotzky. Durch die rationalisierte Bauweise entstanden so bis 1930 wegweisende Siedlungen mit etwa 15.000 Wohnungen. Daran beteiligt waren auch namhafte Architekten – wie etwa Bauhaus-Gründer Walter Gropius. Die Siedlungen gehören heute mit der Weißenhofsiedlung in Stuttgart und dem Bauhaus in Dessau zu den international vielbeachteten Beispielen der frühen Moderne in Deutschland.

 

Fotos: Barbara Staubach

Erhaltenswert: Fünf Millionen Euro vom Bund
Ein baukulturelles Erbe, das es zu bewahren gilt: Im April 2019 wurde das „Neue Frankfurt“ in das Bundesprogramm Nationale Projekte des Städtebaus aufgenommen. Fünf Millionen Euro fließen nun in die Mainmetropole. Mit einem ganzheitlichen Ansatz sollen die Siedlungen wieder als städtebauliche Typologien erlebbar und ihre beispielgebende Qualität auch in Hinblick auf die heutigen Herausforderungen des Wohnungsbaus deutlich gemacht werden. Zur 100-Jahr-Feier 2025 sollen dann schon erste umgesetzte Projektziele präsentiert werden. 

Das dürfte auch die Mieter in der Heimatsiedlung in Frankfurt-Sachsenhausen freuen, die zum Bestand der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt gehört. Wie hoch der Betrag ist, der Hessens größtem Wohnungsunternehmen zugewiesen wird, steht noch nicht fest. Wohl aber, was damit geschieht: „Wir setzen unsere bisherigen umfangreichen Sanierungsmaßnahmen in enger Absprache mit der Stadt Frankfurt fort. Einen Schwerpunkt werden wir auf die Außenflächen sowie die Schaffung von Begegnungsstätten legen“, erklärt der zuständige Regionalcenterleiter Holger Lack.

Das einst von Ernst May geplante Quartier an der Stresemannallee und der Mörfelder Landstraße, zwischen 1927 und 1934 gebaut, steht seit 1989 unter Denkmalschutz. In den vergangenen 30 Jahren hat die Unternehmensgruppe immer wieder in Modernisierungsmaßnahmen investiert und setzt ein groß angelegtes Sanierungs- und Instandhaltungskonzept um. „Von 1997 bis 2023 werden wir insgesamt rund 30 Millionen Euro in die Heimatsiedlung investiert haben“, so Lack. „Der Zuschuss des Bundes kommt uns vor diesem Hintergrund sehr gelegen.“


Jens Duffner
Leiter Unternehmenskommunikation,
T 069 6069-1321, jens.duffner@naheimst.de

Holger Lack
Leiter Regionalcenter Frankfurt
T 069 2695778-0, rcfrankfurt@naheimst.de


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Vom Neuen Frankfurt  für heute und morgen lernen

Es sind zwei 100-Jahr-Feiern, die inhaltlich eng miteinander zusammenhängen: die Jubiläen der Bauhaus-Bewegung 2019 und des Neuen Frankfurt im Jahr 2025. Daher finden im laufenden Jahr alleine drei Ausstellungen in den städtischen Frankfurter Museen statt, die sich mit den Errungenschaften und den Verbindungen dieser beiden Strömungen beschäftigen. 

Unser vorrangiges Ziel als Planungsdezernat ist es, die Siedlungen des Neuen Frankfurt für das Jahr 2025 aufzuwerten. Dazu gehört, die Gebäude instand zu setzen, Freiräume zu ertüchtigen, die Vor- und Nachteile des Siedlungsbaus zu beleuchten und das baukulturelle Erbe zu stärken. Wir wollen aber auch die Gesamtleistung des Neuen Frankfurt in der Breite vermitteln und von ihm für heute und morgen lernen. Denn es bildete den Aufbruch unserer Stadt in die Moderne. 

Daher haben wir uns für das Förderprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ beworben und sind im April 2019 aufgenommen worden. Wir schätzen, dass wir mit Hilfe dieses Programms ein Gesamtvolumen von rund 60 bis 65 Millionen Euro mobilisieren können. Neben den Bundesmitteln von fünf Millionen Euro sind dies städtische Mittel und Investitionen der Wohnungsbaugesellschaften. Ich freue mich sehr, dass uns die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte l Wohnstadt hierbei unterstützt und mit einer erheblichen finanziellen Investition in die denkmalgeschützte Heimatsiedlung einen wertvollen Beitrag leistet.

Sonderausstellungen „Neues Frankfurt“

Das von der Stadt gegründete „Forum Neues Frankfurt“ dokumentiert im Bauhaus-Jubiläumsjahr in Kooperation mit dem Museum Angewandte Kunst mit zwei Sonderausstellungen die „Moderne am Main“.

Im Deutschen Architekturmuseum (DAM) ist bis 18. August 2019 die Ausstellung „Neuer Mensch, neue Wohnung – Die Bauten des Neuen Frankfurt 1925-1933“ zu sehen.   

Das Historische Museum Frankfurt zeigt bis 13. Oktober 2019 die Ausstellung „Wie wohnen die Leute?“.

Mike Josef
Planungsdezernent der Stadt Frankfurt am Main
Foto: Stadt Frankfurt am Main

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Versorgung mit bezahlbaren Wohnungen

Es soll in Frankfurt kein dringenderes Problem als die bezahlbare Wohnraumversorgung existieren. In Berlin sollen kommerzielle Wohnungsbauunternehmen vergesellschaftet, in Hessen die Mieten gedeckelt werden. Der Markt habe versagt, daher müsse die Politik eingreifen, heißt es. Ist es aber nicht vielmehr so, dass erst die mangelnden Angebote aufgrund größerer Nachfrage zu erhöhten Preisen geführt haben? Das Einzige, was nachhaltig helfen würde, wäre der großmaßstäbliche Bau bezahlbarer Wohnungen in öffentlicher Hand, von neuen Quartieren zu neuen Stadtvierteln bis hin zu „Trabantenstädten“. 

So wie 1925, als der Frankfurter Oberbürgermeister Ludwig Landmann, um die Wohnungsnot zu lindern, den städtischen Planer von Breslau, Ernst May, anwarb und ihm das Projekt „Neues Frankfurt“ übertrug. In den folgenden fünf Jahren realisierte dieser den Bau von 10.000 öffentlichen Wohnungen. In den 1970er Jahren entstanden durch die Neue Heimat Großsiedlungen wie die Nordweststadt. Das ist auch schon über 40 Jahre her. Es sieht so aus, als ob wir wieder so groß denken müssen. Das fällt vielen schwer, den Wohnungsbaugesellschaften, die ihrem ursprünglichen Namen gerecht werden müssten, aber auch vielen Bürgern mit ihren „Not in my backyard“-Vermeidungsstrategien. Keine Nachverdichtung, kein neues Baugebiet mehr ohne Protest von Bürgerinitiativen. Etwas ist immer bedroht. Gibt es auch Demonstrationen für die Ausweisung neuer Baugebiete? 

Peter Cachola Schmal
Leitender Direktor des Deutschen Architekturmuseums (DA), Frankfurt am Main 
Foto: Bernd Gabriel

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„Stadt in der Stadt“

Ernst May und die Hochbauamtsarchitekten Herbert Boehm und Fritz Berke planten von 1927 bis 1934 rund um den historischen, ehemals größten Gutshof Frankfurts, den Riedhof in Frankfurt-Sachsenhausen, ein großzügiges Siedlungsprojekt. Ein Großteil des Geländes gehörte damals der Bankiersfamilie von Bethmann, die etwa 130.000 Quadratmeter westlich des Riedhofs an den Gewerkschaftsbund der Angestellten (GDA) verkaufte. Die hierzu gehörende Gemeinnützige Bau- und Siedlungs-AG „Heimat“ errichtete dort eine Mustersiedlung für Mitglieder. Die Siedlung Riedhof-West, bald nur noch als „Heimatsiedlung“ bezeichnet, war als Mittelstandssiedlung konzipiert. Der Frankfurter Architekt Franz Roeckle versah sie mit großzügigen Grundrissen, Loggien, Wintergärten, Gemeinschaftsräumen und großen Grünflächen. Heute ist das Areal im Eigentum der Nassauischen Heimstätte und umfasst 1.072 Wohneinheiten. 

Der Einfluss einer dynamisch expressionistischen Architektursprache auf die an sich kubischen Formen ist unverkennbar. Der Grundriss der Heimatsiedlung mit neun, parallel zur Mörfelder Landstraße ausgerichteten Gebäudezeilen, die mit den Siedlungsrändern eine Verbindung eingehen, ist markant: Die Heimatsiedlung wirkt in ihrer Geschlossenheit als „Stadt in der Stadt“. Entlang der Stresemannallee schirmt eine vier- bis fünfgeschossige Kopfbebauung die inneren niedrigeren Wohnzeilen ab. Über gleichgestaltete torartige Einfahrten, durch Vorplätze und eine enge Gebäudestellung architektonisch markiert, gelangen Bewohner und Besucher in die ruhigen Wohnstraßen. Um den gleichartigen Straßenzügen jeweils eine eigene Identität und Erkennbarkeit zu geben, versah man sie mit unterschiedlichen Baumarten. So heißen die Straßen dann auch „Unter den Eichen“ oder „Unter den Kastanien“. Für eine gute Infrastruktur sorgten damals zwei Wäschereien, 20 Geschäfte, Werkstätten, Arztpraxen und Autogaragen. Die qualitätsvolle Quartierlösung gibt auch heute noch Anregungen für zukunftsorientierten Städtebau.

Prof. Dr. Klaus Klemp
Vorsitzender des Vorstands der ernst-may-gesellschaft e. V.
Foto: Harald Schröder

Genau im Plan

100 Jahre Bauhaus

Pünktlich zum Jubiläumsjahr ist das sanierte Bauhaus-Werkstatt-Museum in Dornburg im Juni feierlich eröffnet worden.

Offizieller Festakt mit zahlreichen VIPs – unter anderem: Elke Harjes-Ecker, Thüringische Staatskanzlei (6. v. l.), Andreas Heller, Landrat Saale-Holzland- Kreis (2. v. l.), Dorothea Storch, Bürgermeisterin Dornburg-Camburg (3. v. r.), sowie Konrad Kessler, Museumsleiter (3. v. l.). Foto: Axel Berthold

Das ehemalige Marstallgebäude im thüringischen Dornburg hat Kunstgeschichte geschrieben: Walter Gropius, Gründer und Leiter des Weimarer Bauhauses, richtete hier 1920 die Keramikwerkstatt seiner Kunstschule ein. Bauhäusler wie Max Krehan, Gerhard Marcks, Otto Lindig oder Werner Burri entwickelten an diesem Ort in den fünf Jahren des Bestehens eine neue Gefäßästhetik von europäischem Rang. Der weiteren kontinuierlichen Nutzung als Töpferei ist es zu verdanken, dass Teile der Ausstattungen aus den unterschiedlichen Nutzungsperioden erhalten geblieben sind. Der Charakter dieser einzigartigen Bauhaus-Töpferei sollte konserviert und die handwerkliche Keramikherstellung am ursprünglichen Ort dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. 

Ganzjähriger Touristenmagnet
Seit 2017 wurde der ehemalige Marstall, idyllisch direkt an den Dornburger Schlössern gelegen, umfassend saniert und erweitert. Im Zuge der Arbeiten wurde der historische Teil der Werkstatt in eine museale Ausstellung verwandelt. Die Weiterführung der Töpferei auf verkleinerter Fläche in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Schauräumen stellt die Verbindung zum lebendigen Töpferhandwerk her. Auf der Bergseite des Gebäudes gibt es mit dem eingeschossigen Anbau Platz für eine erweiterte Präsentation der Sammlung. „Damit schaffen wir im Innenbereich des Marstalls eine Attraktion, die ganzjährig Touristen anzieht“, so Nicole Hermann, Projektleiterin ProjektStadt, die als Sanierungsberaterin auch für das Fördermittelmanagement verantwortlich zeichnet. Rund 1,3 Millionen Euro aus dem Bund-Land-Programm Städtebaulicher Denkmalschutz halfen dabei, dieses historisch bedeutende Ensemble zu erhalten.

Foto: Axel Berthold

Nicole Hermann
Projektleiterin ProjektStadt
T 03643 879-119, nicole.hermann@nh-projektstadt.de

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