Fachartikel

Ein bescheidenes Stückchen Glück

Presse-Artikel exklusiv für „ivv – immobilien vermieten & verwalten“

Einen alten Baum verpflanzt man nicht – so lautet ein Sprichwort. Die meisten Menschen wollen im Alter dort bleiben, wo sie immer gewohnt haben – in ihren eigenen vier Wänden. Die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt subventioniert in 36.000 Wohneinheiten haushaltsnahe Dienstleistungen, damit ihre Mieter genau das können: selbstbestimmt im Alter leben. Das Engagement rechnet sich – menschlich, gesellschaftlich und finanziell.

Fotos: Karsten Socher

Das Glück ist ein Kinderlachen. Davon hatte Helga K. im Überfluss: Sechs eigene Kinder hat sie großgezogen – sie sind heute alle über 60. Neun Enkel, zehn Urenkel und zwei Ururenkel zählen zum Nachwuchs der rüstigen alten Dame. Stolz zeigt sie ein Familienfoto, auf dem alle versammelt sind. „Dass ich das noch erleben durfte, dass die Ururenkel geboren wurden“, lächelt sie. Bis vor zwei Jahren hat sie noch warme Socken für alle gestrickt!

Das Schicksal meinte es nicht immer so gut mit Helga K. Im Jahr 2007 starb ihr Mann, ehemals VW-Arbeiter im Werk Baunatal. Am Ende hatte er aufgrund seiner Demenz niemanden mehr erkannt – „das war schon eine schwere Zeit“. Ihre eigene Knieoperation war auch kein Zuckerschlecken, es ging ihr sehr schlecht. Vor eineinhalb Jahren begann auch die Hüfte weh zu tun. Gerade heute sind die Schmerzen besonders schlimm. Gestern, auf der Konfirmation eines Urenkels, war die Kirchenheizung ausgefallen. Dennoch sagt sie: „Ich lasse mich nicht operieren, mit 87 muss ich das auch nicht mehr.“

Ihr Haus hat sie früh den Kindern überschrieben. Heute lebt Helga K. in einer kleinen Wohnung in der Mühlenbergstraße im Baunataler Stadtteil Rengershausen. Dass sie noch hier wohnt und nicht schon lange in ein Heim ziehen musste, verdankt sie einer guten Fee, die einmal in der Woche zu ihr kommt und die Wohnung auf Vordermann bringt: Geraldine-Marie Hajek. Wäsche waschen, Böden schrubben, Fenster putzen gehen ihr schnell von der Hand – für nur zehn Euro pro Stunde. „Ich bin so froh, dass sie da ist“, sagt Helga K. Nach dem wöchentlichen Reinemachen gibt es immer noch einen Kaffee und ein süßes Stückchen, das Geraldine-Marie Hajek vorher in der Bäckerei holt. „Wir sind schon lange per du und sind mittlerweile Freundinnen geworden“, sagt die gute Fee. Anfangs war der Rhythmus noch 14-tägig, doch dann „wurde das Bein immer schlechter“. Jetzt kommt Geraldien-Marie Hajek einmal in der Woche.

„Solange es geht, bleibe ich auch selbstständig“, entscheidet Helga K. und genießt ihr beschauliches Glück. Wenn die Kinder oder die Enkel mal nicht vorbeischauen, besucht sie den Seniorennachmittag in der Gemeinde und spielt ein paar Runden Rommé mit Gleichgesinnten. Auch Gedächtnistraining und Massagen gehören zu den festen Terminen, Tageszeitung, Zeitschriften und Kreuzworträtsel zum Tagesprogramm. „Ich glaube nicht, dass ich noch einmal irgendwo anders hingehe“, konstatiert die alte Dame.

Haushaltsnahe Dienstleistungen zum subventionierten Preis
Helga K.s gute Fee Geraldine-Marie Hajek ist Mitarbeiterin des Wohn-Service-Teams (WST), einem wohl einzigartigen Modell, das sich die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt als Marke hat eintragen lassen. Die mit rund 60.000 Einheiten größte hessische Wohnungsgesellschaft entwickelte das Format 2007 zusammen mit der damaligen Gemeinnützigen Offenbacher Ausbildungs- und Beschäftigungsgesellschaft (GOAB). Die Idee umschreibt der für das Immobilienmanagement zuständige Geschäftsführer der Unternehmensgruppe, Dr. Constantin Westphal: „Das Wohn-Service-Team ist ein zentraler Baustein unseres Ansatzes ‚Sie bleiben, wir helfen‘, mit dem wir vor allem ältere Mieter ansprechen. In einigen unserer Quartiere sind mehr als 30 Prozent der Bewohner über 65 Jahre alt, viele davon leben allein. Deshalb müssen wir neben baulichen Anpassungen Angebote entwickeln, die das selbstbestimmte Wohnen im Alter ermöglichen.“

 Das Konzept ist bestechend einfach: Über eine Servicenummer können die Mieter der Unternehmensgruppe kostenfrei oder zu sehr günstigen Konditionen haushaltsnahe Dienstleistungen in Anspruch nehmen (siehe Kasten Seite XX). Zu den abrufbaren Services gehören neben der klassischen Wohnungsreinigung unter anderem auch Einkaufshilfen, kleinere handwerkliche Tätigkeiten oder bei Bedarf eine Begleitung zum Arzt. 140 Mitarbeiter zählt das WST mittlerweile, die Dienste werden in 36.000 Wohneinheiten der Gesellschaft für die Mieter vorgehalten.

Und das Angebot wird gerne genutzt. „Wir verzeichnen eine kontinuierliche Zunahme an Aufträgen“, konstatiert Jürgen Schomburg, Geschäftsführer der Dienste im Quartier GmbH (DiQ), die die Dienstleistungen des WST vor Ort koordiniert. „Die meisten unserer Kunden sind alleinstehende Damen fortgeschrittenen Alters“, weiß er zu berichten. „Die Kinder sind aus dem Haus und in alle Winde verstreut, der Mann verstorben.“

 Die meisten Aufträge betreffen dann auch die täglichen Beschwerlichkeiten. Wäsche und Wohnungsreinigung stehen ganz oben auf der Liste, gefolgt von allen Tätigkeiten, die Kraft oder Geschicklichkeit erfordern: Gardinen aufhängen, Regale zusammenbauen, Sperrmüll hinuntertragen. Eher weniger gefragt sind Umzugshilfen oder der Einkaufsservice – aber auch die sind unverzichtbar. Immer wieder einmal werden auch kuriose Wünsche an die Ohren der Disponenten herangetragen. Vor allem vor Fußballspielen geht schon einmal der Auftrag ein, zwei Kasten Bier vorbeizubringen – ein Begehren, das in der Regel nicht erfüllt wird. Gehör findet dagegen die alte Dame, die ihren über alles geliebten Hund Lulu nicht mehr Gassi führen kann – dann kommt eine gute Fee und spaziert mit dem Tier durch den Park. Auch eine blinde Frau im dritten Stock bekommt Besuch vom WST – in diesem Fall sind nicht Schrubber und Besen gefragt, sondern die Lesebrille: eine Stunde Zeitung vorlesen. „Hinter jedem Anruf steckt ein Schicksal“, hebt Angela Reisert-Bersch, Leiterin Kompetenzcenter Sozialmanagement und Marketing der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt, hervor.

Fotos: Karsten Socher

Saugen, Wischen & mehr
Der Flieder blüht in Kassel. In der Kronenackerstraße im Stadtteil Oberzwehren hat ein Kirschbaum ein Auto unter seinen Blüten begraben – ein Meer aus Lila, Weiß und Pastellrot. Erika S. wohnt hier, seit sie vor fünf Jahren ihr Haus an ihre Söhne übergab, weil es ihr zu groß geworden war. Sie leidet an einer chronischen Lungenerkrankung. „Ich kann den Fußboden halt nicht mehr selbst schrubben, weil ich gesundheitlich eingeschränkt bin“, sagt sie fast entschuldigend, um schnell hinterherzuschicken: „Aber den ganzen anderen Haushalt mache ich noch eigenhändig, auch die Fenster.“ Auch hierher fährt Geraldine-Marie Hajek vom WST alle 14 Tage zum Saugen und Putzen.

Vor fast drei Jahren wurde Erika S. auf das Angebot in der Mieterzeitung der Unternehmensgruppe aufmerksam. Sie habe dort angerufen, dann kam jemand vorbei und habe sich angeschaut, was zu tun sei. „Einmal Durchsaugen und Durchwischen für zehn Euro, das ist supergünstig“, freut sich die Rentnerin. Besonders wichtig ist ihr, dass sie Vertrauen haben kann. „Das ist schon sehr intim. Da möchte man nicht alle 14 Tage jemand anderen in der Wohnung haben.“ Zwei Söhne hat sie großgezogen, nach der Kinderauszeit 30 Jahre bei einem Steuerberater gearbeitet, seit 19 Jahren ist sie nun im Ruhestand. Ihr Mann ist schon vor 28 Jahren verstorben – „viel zu früh“. Die Unterstützung alle 14 Tage ermöglicht es Erika S., in ihren eigenen vier Wänden zu bleiben: „Ich möchte hier so lange wie möglich wohnen, ein Seniorenheim wäre nichts für mich.“ Einmal die Woche geht sie zum Lungensport, dann sind da noch die Gymnastiktermine, Kreuzworträtsel, Internet und E-Mail – und draußen duftet es nach Frühling. Die kleinen Dinge eben.

Wohnungsunternehmen mit sozialem Auftrag
„Das Sozialmanagement ist ein ganz wichtiger Pfeiler unserer Bestandsbewirtschaftung“, postuliert Angela Reisert-Bersch. Die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt befindet sich mehrheitlich im Besitz des Landes Hessen sowie verschiedener Kommunen. Die Anteilseigner haben eine soziale Ausrichtung in den Gesellschaftsvertrag aufgenommen. Im neuen Leitbild hat das Unternehmen den sozialen Aspekt noch einmal stärker betont.

Fünf Mitarbeiter im Sozialmanagement kümmern sich mithilfe unterschiedlicher Kooperationspartner um das soziale Wohlergehen der Mieter. Das Konzept umfasst zentrale Angebote für Jugendliche, Senioren, Alleinerziehende und Schüler – unter anderem Mieterfeste, Hausaufgabenhilfe, Taschengeldprojekte, Lesungen für Kinder, Nähkurse, Ausbildungsförderung, Seniorencafés und Sprachkurse. Zudem kommen, je nach Bedarf, gezielte Maßnahmen im Bereich des sozialen Quartiersmanagements hinzu. Reisert-Bersch: „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, Formate zu entwickeln, die so beschaffen sind, dass man sie in unterschiedliche Siedlungen transportieren kann – um sie dann situativ und individuell anzupassen.“

„Eine solche Abteilung wie die unsere ist nicht in jeder Wohnungsgesellschaft zu finden“, so Reisert-Bersch weiter. „Wir kümmern uns um die Menschen, die bei uns leben“. Historisch bedingt wohnen in den Siedlungen von Dreieich bis Kassel und von Wiesbaden bis Fulda eben keine Menschen mit hohem Einkommen. Der Bestand, in großen Teilen zu Zeiten des Baubooms während der 60er Jahre entstanden, ziehe „keine Premiumkunden“ an. Folglich kümmerte sich die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt schon um ihre Mieter, als das Wort Quartiersmanagement noch nicht einmal erfunden war. Mit dem Verein Wohnen und Leben e. V. riefen gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaften kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine Institution ins Leben, die mit einem vielfältigen Programm für Mieter aufwartete. Auf der Liste standen neben Mieterfesten und Kaffeenachmittagen auch kulturelle Veranstaltungen oder der Besuch in Moscheen, Synagogen und Kirchen. Viele Aktivitäten und einige Mitarbeiter des Vereins gingen später im Sozialmanagement der Unternehmensgruppe auf. Wichtigste Aufgabe, laut Angela Reisert-Besch, damals wie heute: „Unser Ziel ist es, lebendige Nachbarschaften zu schaffen. Die Quartiere müssen so stabil sein, dass wir später nicht in Brennpunkten denken müssen.“ Leerstand und Vandalismus kosten Geld, Sozialarbeit wirke auch hier präventiv.

Neben Kindern und Jugendlichen waren Senioren schon immer eine wichtige Zielgruppe. „Wir werden ja insgesamt nicht jünger. Daher mussten wir uns speziell für unsere älteren Mieter etwas einfallen lassen“, erinnert sich Reisert-Bersch. Auf Basis einer Mieterumfrage entwickelten die Fachleute das Konzept „Sie bleiben, wir helfen“. Das Paket umfasst unter anderem eine Seniorenberatung in Kooperation mit den Johannitern, bauliche Veränderungen, barrierearme Modernisierungen und natürlich das Wohn-Service-Team. Mit Erfolg: Fast jeder fünfte Bewohner über 65 nutzt regelmäßig die haushaltsnahen Dienstleistungen, über 80 Prozent der Kunden sind älter als 65 Jahre – das Angebot kommt also dort an, wo es gebraucht wird.

Foto: Karsten Socher

Kunden nehmen Rücksicht auf Mitarbeiter
Kaum jemand weiß das besser als die WST-Mitarbeiterin Geraldine-Marie Hajek. Die „gute Fee“ hat nach eigenem Bekunden selbst „ein Päckchen zu tragen“: Sie bezieht eine kleine Erwerbsminderungsrente aufgrund von Schwerbehinderung, der Magen macht Probleme. Für Hajek ist der Minijob beim WST genau passend. „Ich war das gar nicht gewohnt, dass die Kunden Rücksicht darauf nehmen, wenn es mir mal nicht so gut geht.“ Wenn sie mal etwas später komme, weil der Magen wieder einmal rumort, sei das nie ein Problem. Dafür engagiert sie sich auch ein bisschen mehr für ihre Klienten. „Wir sind hier eine Mischung aus Haushaltshilfe, Alltagshelfer, Sozialarbeiter und Freundin.“ Im Alltag stellt sie immer wieder fest, wie wichtig der soziale Kontakt ist. „Die eine Kundin macht mir immer ein Süppchen, bei der anderen bekomme ich schwarzen Tee mit frischer Minze“, erzählt sie. „Das ist halt so, denen tut es gut, und mir tut es auch gut.“

Der gute Kontakt zwischen Mietern und Mitarbeitern ist ausdrücklich erwünscht, sowohl seitens der DiQ als auch seitens der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt. Anja Klamann, Standortleiterin der DiQ in Kassel, macht deutlich: „Es gibt nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Angestellter die restlichen zehn Minuten von der bezahlten Stunde auf einen Kaffee bleibt.“ Denn oft, so weiß Jürgen Schomburg, „sind wir ein Stück Außenwelt. Wir bringen ein wenig Aufmerksamkeit und menschlichen Austausch mit.“Die Kunden legen darauf auch den größten Wert – auch wegen der Vertraulichkeit, die viele Ältere sehr schätzen. Sicherheit bekommt im Alter einen höheren Stellenwert.

Der zwischenmenschliche Kontakt fällt schon deshalb leicht, weil der überwiegende Teil der Mitarbeiter selbst aus dem Viertel stammt. Am Standort Kassel arbeiten zehn Minijobber und Teilzeitkräfte, fünf davon sind Nachbarn ihrer Kunden. Mittlerweile wächst langsam, aber stetig auch die Zahl der jüngeren Mieter, die das Wohn-Service-Team in Anspruch nehmen. Angela Reisert-Bersch betont: „Es gibt keinen Grund, warum wir der Krankenschwester im Schichtdienst unseren Service nicht anbieten sollten.“ Das sei nicht nur Kundenbindung, sondern garantiere auch eine „gute Durchmischung der Siedlungen“.

Günstige Dienste für 36.000 Haushalte
Das Wohnungsunternehmen lässt sich diese Form der Kundenbindung einiges kosten. Rund acht Euro zahlt der Vermieter pro „betreuter“ Einheit als Zuschuss an die Dienste im Quartier, die nach der Insolvenz der GOAB das Angebot aufrechterhält. Bei 36.000 Wohnungen summiert sich das auf einen Betrag von deutlich über einer Viertelmillion Euro pro Jahr. Viele der angebotenen Dienstleistungen sind komplett subventioniert, ältere Mieter müssen dafür nichts bezahlen. Für die übrigen Arbeiten zahlt der Bewohner fünf Euro die halbe Stunde, die betriebswirtschaftlichen Kosten liegen beim Doppelten. Wie rechnet sich das? „Die Unternehmensgruppe hat das Gut Wohnen nie als reines Renditeprojekt angesehen“, stellt Dr. Westphal klar. Die Gesellschaft mache das, um älteren Menschen die Unterstützung zu geben, die sie brauchen – speziell Menschen, die sich das eigentlich nicht leisten können. Das sei auch der Ansatz, den die Unternehmensgruppe beim WST fährt. Reisert-Bersch ergänzt: „Wir liegen mit unseren zehn Euro die Stunde weit unter dem, was normalerweise auf dem Markt gefordert wird.“

Gleichwohl, so ist sich Geschäftsführer Dr. Constantin Westphal sicher, mache sich jeder einzelne Euro bezahlt. Auch wenn das Unternehmen Kosten und Nutzen betriebswirtschaftlich nicht erfasse, bleibe unter dem Strich mindestens eine schwarze Null. Wesentliche Kennzahlen: Mieter bleiben rund fünf Jahre länger in ihren Wohnungen, wenn sie durch Dienstleistungen wie das WST und unter Umständen kleineren Investitionen in Barrierefreiheit in die Lage versetzt werden, weiter ein selbstständiges Leben in ihren eigenen vier Wänden zu führen. Rechnet man dagegen die Modernisierungskosten von rund 30.000 Euro bei Auszug eines Mieters, dann lässt sich daraus auch ein direkter wirtschaftlicher Gewinn ableiten. „Die älteren Bewohner bleiben deutlich länger in ihren Wohnungen“, so die Erfahrung von Reisert-Bersch. „Das bedeutet für uns: weniger Modernisierungskosten, weniger Fluktuation, mehr Stabilität in der Mieterzusammensetzung, mehr zufriedene Mieter insgesamt.“

Schwer zu beziffern hingegen sind die monetären Vorteile, die durch zusammengewachsene und lebendige Nachbarschaften entstehen. Neben unmittelbaren Folgen wie Wegfall des Vandalismus und zweifelhafter „Graffiti-Schönheiten“ macht ein stabiles und sauberes Viertel weniger Arbeit, niedriger Leerstand sorgt für kontinuierliche Mieteinnahmen. Das Wohn-Service-Team leistet einen erheblichen Beitrag zu lebenswerten Quartieren: Immerhin sind die betagten Bewohner generell ein stabilisierender Faktor. Dr. Westphal erklärt: „Die älteren Mieter stärken erfahrungsgemäß die Siedlungen. Sie gehen auf Nachbarn zu, sind kommunikativ, geben uns Rückmeldung über den Zustand des Quartiers. Kurz: Sie kümmern sich.“

Fünf Euro sind für manche viel Geld
Nicht unbedingt selbstverständlich bei Minijobbern sind die Sozialleistungen, die die DiQ ihren Angestellten und Teilzeitkräften zukommen lässt. Die Mitarbeiter sind kranken- und rentenversichert, haben Anspruch auf bezahlten Urlaub und Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall. Dafür müssen sie ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, der deutschen Sprache mächtig, kommunikationsfähig und vertrauenswürdig sein. Die gelernte Industriekauffrau und jahrelange Personal-Verantwortliche Anja Klamann managt am WST-Standort Kassel das Angebot für 6.000 Wohneinheiten der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt. Seit rund drei Jahren gibt es dort den Service, die Aufträge „steigen langsam, aber stetig“. 170 Stammkunden halten das insgesamt elfköpfige Team vor Ort auf Trab, hinzukommen noch einmal etwa 40 Treppenhäuser, die wöchentlich gereinigt werden wollen – alles zusammen rund 400 Einsätze im Monat. Neu ist, dass die DiQ die haushaltsnahen Leistungen als sogenannten Entlastungsbetrag bei Kunden mit einer Pflegestufe direkt mit den Pflegekassen abrechnen können – maximal 125 Euro im Monat.

Was macht die Arbeit im Wohn-Service-Team aus? „Wir unterstützen Menschen, die Hilfe brauchen, dabei, möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden bleiben zu können“, stellt Klamann fest. Die Mutter von drei Kindern weiß, wie wichtig dabei Vertrauen ist: „Unsere Kunden sind oft sehr allein, ihnen muss man erst die Angst nehmen.“ Das Vertrauen entstehe auch dadurch, dass sich die Mitarbeiter Zeit lassen und Kunden auch mal ihr „Herz ausschütten“ dürfen. „Dann sitzt man gerne auch mal ein Viertelstündchen zusammen, wenn noch Zeit ist“, erklärt die Standortmanagerin. Das Wichtigste sei, so die Erfahrung der Praktikerin, dass das Angebot für Rentner erschwinglich bleibe. „Wir haben hier ganz viele Menschen, die alle 14 Tage um fünf Euro kämpfen müssen. Dann gilt es, die Hausordnung in einer halben Stunde zu schaffen – mehr ist einfach nicht drin.“

Foto: Karsten Socher

Wohn-Service-Team – Daten und Fakten

Von den rund 60.000 Wohneinheiten der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt können rund 36.000 Haushalte in verschiedenen Ballungsgebieten die Leistungen des Wohn-Service-Teams (WST) kostenfrei oder zu vergünstigten Konditionen in Anspruch nehmen. Die Gesellschaft subventioniert die Dienstleistungen mit einem Sockelbetrag von acht Euro pro Haushalt, die ausführende Gesellschaft Dienste im Quartier (DiQ) hält dafür entsprechende Leistungen vor. Darüber hinaus vergibt das Wohnungsunternehmen in verschiedenen Siedlungen Aufträge fest an die DiQ – etwa das Putzen von Treppenhäusern oder die Außenreinigung. 

Die Nutzung der WST-Dienste durch die Mieter hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Ältere und in der Bewegung eingeschränkte Bewohner können Leistungen wie etwa den Aufbau von Kleinmöbeln und Regalen, Hilfe beim Umzug, Sperrmüll und Begleitservice kostenfrei abrufen. Für den Preis von fünf Euro je halbe Stunde nutzen die Mieter einen Einkaufsservice oder -begleitung, Heim-Service wie etwa Pflanzen- oder Kleintierbetreuung und Briefkastenleerung, Putzen, Wäsche waschen und bügeln, Gardinen aufhängen, Botengänge oder Kleintransporte sowie kleine Reparaturen und handwerkliche Handreichungen oder auch eventuell nötige Hilfe bei der Gartenarbeit. Mit Wertmarken-Karten, die sich Mieter auch von Angehörigen schenken lassen können, ist die Bezahlung einfach und unbürokratisch.

In einigen Städten können die WST-Standorte die haushaltsnahen Dienstleistungen direkt mit den Pflegekassen abrechnen. Die betriebswirtschaftlichen Kosten hingegen liegen bei rund dem Doppelten. Wegen des Overheads rechnet Jürgen Schomburg für die Neuinstallation einer solchen Organisation mit einer Mindestgröße von rund 3.000 Wohneinheiten, die in einem Gebiet vorhanden sein müssen. Bei bestehenden Standorten hingegen können beliebig große Einheiten mitversorgt werden. Neben den haushaltsnahen Dienstleistungen übernimmt die DiQ unter anderem die Reinigung von Freiflächen, Gemeinschaftsräumen und Treppenhäusern, besetzt Concierge-Büros, entrümpelt und hilft, wenn der Aufzug ausfällt.

Dienste im Quartier
Rathenaustr. 32, 63067 Offenbach
Telefon: 069 13 81 72 - 53
E-Mail: Info@Wohn-Service-Team.de
www.diq-of.de, www.wohn-service-team.de

Geschichte eines Erfolgsrezepts

Das Wohn-Service-Team entstand im Sommer 2007als Projekt der Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt und der Gemeinnützigen Offenbacher Ausbildungs- und Beschäftigungsgesellschaft mbH (GOAB). Vorausgegangen war eine Mieterbefragung in den Quartieren der Unternehmensgruppe. Deren wesentliche Ergebnisse: Die meisten älteren Menschen wollen so lange wie möglich selbstbestimmt in ihren Wohnungen bleiben. Und sie wünschen sich bestimmte Dienstleistungen, die ihnen den Alltag erleichtern, allerdings dürfen diese nicht viel kosten. Mithilfe von Fördermitteln aus dem Programm Bundesinitiative 50plus startete das Pilotprojekt mit 10 Mitarbeitern, die 3.000 Haushalte in Offenbach betreuten.

Bereits im Sommer 2009 zählt das WST 20 Beschäftigte, das Arbeitsgebiet verteilt sich jetzt auf die Städte Frankfurt und Offenbach. Mitte 2012 endet der Zuschuss des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales. Das WST stellt nun auf Minijob-Basis Mitarbeiter ein – bevorzugt werden Menschen aus den Wohnquartieren. Die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt übernimmt alle Kosten außer denen, die die Mieter selbst beitragen. Zum Jahresbeginn 2013 sind die Dienste auch in Wiesbaden und Neu-Isenburg abrufbar, im Herbst folgen weitere Stadtteile von Frankfurt. Im September meldet die GOAB Insolvenz an. Im November 2013 gründen zwei ehemalige Mitarbeiter der städtischen Gesellschaft, Ute van Beuningen und Jürgen Schomburg, die Dienste im Quartier GmbH (DiQ), die im Januar 2014 das WST mit allen Beschäftigten und Verträgen übernimmt. Im Laufe des Jahres 2014 kommen weitere Städte, unter anderem Dreieich, Langen und Hanau, hinzu, Ende 2014 können Mieter in etwa 20.000 Wohneinheiten der Unternehmensgruppe auf die subventionierten Dienstleistungen zugreifen. In den Folgejahren wird das Einzugsgebiet kontinuierlich erweitert, die Vordertaunus-Gemeinden Bad Homburg, Bad Soden, Eschborn und Oberursel kommen hinzu, später folgen weitere Stadtteile in Frankfurt sowie im Main-Kinzig-Kreis Maintal und Erlensee. Im Februar 2016 wagt das WST den Sprung aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Kassel. Zum Jahresende 2018 war das Angebot für 36.000 Wohneinheiten in 23 Kommunen und in 30 Stadtteilen von Frankfurt abrufbar. Die 140 Mitarbeiter reinigen die Treppenhäuser von 334 Objekten und kontrollieren 194 Hektar Grünflächen jede Woche.


Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt
Die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte | Wohnstadt mit Sitz in Frankfurt am Main und Kassel bietet seit 95 Jahren umfassende Dienstleistungen in den Bereichen Wohnen, Bauen und Entwickeln. Sie beschäftigt rund 730 Mitarbeiter. Mit rund 60.000 Mietwohnungen in 140 Städten und Gemeinden gehört sie zu den führenden deutschen Wohnungsunternehmen. Unter der Marke „ProjektStadt“ werden Kompetenzfelder gebündelt, um nachhaltige Stadtentwicklungsaufgaben durchzuführen. Bis 2024 sind Investitionen von rund 1,9 Milliarden Euro in Neubau von Wohnungen und den Bestand geplant. 4.900 zusätzliche Wohnungen sollen so in den nächsten fünf Jahren entstehen.


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